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Giuseppe Martelli, Präsident des Internationalen Verbandes der Oenologen.
Das Interview besteht aus drei Teilen:
Der
Platz des Oenologen
Der
Oenologe zwischen Tradition und
Globalisierung
Der
Oenologe und die Sommellerie |
Der
Platz des Oenologen
Die Wissenschaft macht beträchtliche Fortschritte, wenn sie aber ihre Erkenntnisse auf den Wein anwendet, hat sie es mit einem Produkt zu tun, das sich während Jahrhunderten nur nach empirischen Methoden entwickelt hat. Wie findet der Oenologe hier seinen Platz ?
Giuseppe Martelli : Tradition alleine löst keine Probleme, schönt kein Endergebnis, verbessert nicht die Qualität. Der Wein wird ohne Technologie nur zufällig zum Qualitätsprodukt wie jedes andere Lebensmittel. Und wenn wir von Technologie sprechen, sprechen wir von Technikern – in unserem Bereich von Oenologen – das heisst von ausgebildeten und qualifizierten Fachleuten, die fähig sind, Tradition weiterzuentwickeln. Im übrigen ist Tradition nichts anderes als erfolgreiche Innovation, die sich mit der Zeit bewährt hat.
Könnte man theoretisch zwischen drei « Philospohien » unterscheiden: eine mehr « laborhafte » Optik, eine entgegengesetzte Sichtweise, die sich eher bemüht, empirische Traditionen wissenschaftlich abzustützen, und schliesslich eine Philosphie, die man « ökologisch » nennen könnte, die sich wieder darauf beschränken will, einfach die Natur zu
begleiten ?
GM : Im Allgemeinen ist der Oenologe derjenige, der vom Rebberg bis zum Keller alle Massnahmen regelt mit dem Ziel, ein Maximum an Qualität zu erreichen, gemäss dem Referenzstandard des Unternehmens, in dem er arbeitet und ausgehend von dem verfügbaren Traubengut. Wir dürfen nicht ständig nur an Spitzenweine denken und an solche ,die viel kosten. auch der Tischwein, das heisst jenes Produkt ohne grosse Ambitionen, das Millionen von Konsumenten täglich trinken, muss Qualität haben.
Der Oenologe, der in einer solchen Kellerei arbeitet, ist kein « zweitklassiger » Oenologe. Im Gegenteil, oft ist er verantwortlich für viele Millionen von Flaschen, die über die ganze Welt verteilt sein können, dies verlangt Kentnisse, Wissen und hohe Professionalität, die keinesfalls geringer sind als jene des Oenologen, der einige zehntausend Flaschen excellenten « Nischen-Weines » produziert. Die Umfelder, in denen Oenologen wirken sind also sehr unterschiedlich und vielfältig, in gewissen Fällen eher traditionsgebunden, in anderen mehr auf Innovation ausgerichtet.
Ich persönlich glaube, dass der gute Oenologe nicht Wein nach seinem Geschmack herstellt, sondern sich am Markt orientiert, die richtige Balance zwischen Tradition und Innovation findet und immer bemüht ist, das höchstmögliche Qualitätsniveau zu erreichen.
Finden Sie Reibereien im Berufsalltag zwischen diesen drei Ausrichtungen ? Wie denkt man darüber in der Internationalen Vereinigung der Oenologen, die Sie präsidieren ?
GM : Nein, es gibt keine Uneinigkeit, auch mit Rücksicht auf eine gültige Regel in der Internationalen Vereinigung der Oenologen, die besagt , dass die nationalen Vereinigungen unabhängig sind. Es gibt also Länder und folglich Oenologen, die sich eher an der Innovation orientieren und andere, die sich eher an traditionelle Grundsätze gebunden fühlen, auch wenn sich die unterschiedlichen Verhältnisse in den letzten zehn Jahren eher ausgeglichen haben. Man ist sich bewusst, dass « gestern » der Produzent den Konsumenten geführt hat, während es « heute » der Konsument ist, der mehr und mehr seine Wahl trifft nach dem Verhältnis Preis-Leistung beim Tischwein und nach dem Verhältnis Preis-Leistung-Image beim Spitzenwein.
Gelingt es der Oenologie kühlen Kopf zu bewahren und das « L’art pour l’art » weiterzupflegen angesichts der Wissenschaft der « Zauberlehrlinge » und der Anforderungen des Marktes, der gewisse Forschungsprojekte finanziert ?
GM : Die Oenologen waren nie « Hexer» und noch weniger « Zauberlehrlinge », sondern immer hoch qualifizierte Fachleute, in den meisten Fällen mit Hochschulbildung, welche Positionen mit grosser Verantwortung einnehmen. In Italien zum Beispiel hat die Hälfte der Oneologen die Funktion eines Direktors oder jedenfalls eine Führungspositionim Unternehmen inne, in dem sie wirken, das heisst, sie sind Direktoren oder Produktionsverantwortliche. Ich persönlich kenne keine Unternehmer, die bereit sind, Kapital, Image und Profit in die Hände von Personen zu geben, welche nicht über Professionalität und Kompetenz verfügen.
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Der Oenologe zwischen Tradition und Globalisierung
Als die Franzosen in den Rebbergen von Ungarn auftauchten, zeigten sie sich sehr kritisch. Umgehkehrt warfen ihnen die Ungarn vor, sie würden ihre Weine verfälschen unter dem Vorwand, sie verbessern zu wollen. Was denken Sie über diese Art Konflikt ?
GM : Ich kannte diesen Fall im Speziellen nicht. Es ist auf jeden Fall logisch, dass ein Land , besonders wenn es traditioneller Produzent von gewissen Weinen ist, im Verlaufe der Zeit einen eigenen Geschmack entwickelt hat. Infolgedessen müssen Veränderungen fortschrittlich sein, verlangen viel Zeit und eine Unzahl von Kontrollen auf dem Weg der Veränderung. Es kann jedenfalls nicht bestritten werden, dass die Weine, die wir heute trinken, sich von jenen unterscheiden, die vor hundert oder auch nur vor fünfzig Jahren getrunken wurden. und dass man in den traditionellen Weinländern weniger, aber besseren Wein trinkt. Desgleichen steht ausser Zweifel, das die Entwicklung des Konsums zeigt, das Wein zunehmend ein Genuss- und immer weniger ein Lebensmittel ist, mit allen daraus entstehenden Folgen, besonders, was den Geschmack und die Konsumgewohnheiten betrifft.
Laufen wir nicht Gefahr vermehrt diese Art von Konflikten zu schüren mit einer Globalisierung , die weitergetragen wird durch das massive Auftreten von ausländischen Investoren in gewissen Regionen der Welt ?
GM : Gewiss, aber wie ich eben gesagt habe, ist der Konsument heute kompetent und in der Lage auszuwählen am grossen « Firmament der Weltoenologie ». Die Weine der sogenannten « Schwellenländer » sind nun einmal Wirklichkeit, auch angesichts des bedeutenden Stellenwertes, den sie auf den Märkten von Nordeuropa bis Asien einnehmen. Der Wettbewerb ist offener denn je und ich denke, es wäre ein Fehler, wenn die traditionellen Produzentenländer ihn nicht annehmen würden.
Wirft das wachsende Interesse für die Weine der Welt für die Oenologie neue Fragen auf ?
GM : Ja, sicher, und nicht nur für den Bereich der Oenologie, auch abhängig von einer globalen Veränderung, der Rechnung zu tragen ist und von einer Entwicklung der Weinwelt, die in den letzten zwanzig Jahren schneller verlief als in den letzten zwei Jahrhunderten.
Das führt uns dazu zu fragen : Gibt es eine Ethik der Oenologie ? Worin besteht sie ?
GM : Alle wichtigsten nationalen Vereinigungen von Oenologen haben eine Berufspflichtenlehre, der ihre Tätigkeit regelt. Daneben wird die berufliche Tätigkeit der Oenologen durch zahlreiche Gesetze geregelt, die jedes Land für den Weinbausektor erlassen hat, und an die sich die Oenologen jederzeit und auf jeden Fall zu halten haben. Vergessen wir nicht, dass der Oenologe im Weinkeller nicht nur einfacher Angestellter ist, sondern als Produktionsverantwortlicher dem Straf- und dem Zivilrecht untersteht.
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Der Oenologe und die Sommellerie
Welche Art Austausch pflegen Sie mit den Sommeliers ?
GM : Der Oenologe und der Sommelier sind Berufsleute, die sich ergänzen und zusammenwirken, auch wenn sie unterschiedliche Funktionen und Verantwortungen haben. Der Sommelier ist ein Fachmann des Gastgewerbes, folglich zeigen sich seine beruflichen Fähigkeiten beim Präsentieren, beim Servieren von Wein und beim Zusammenspiel von Wein und Speise. Der Oenologe, wie ich schon ausgeführt habe, ist der Fachmann der Produktion und er beschäftigt sich vor allem mit strukturellen Fragen der Oenologie und der ständigen Verbesserung der Produktequalität.
Wo kämpfen Sie gemeinsam ? Und wo bestehen Meinungsverschiedenheiten ?
GM : Auf internationaler Ebene gibt es keine gemeinsame Vereinbarungen und folglich wenige gemeinsame Aktivitäten. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft mehr und interessante davon gibt.
Was muss getan werden um die beiden Berufsgattungen einander noch näher zu bringen?
GM : Zuerst einmal den Dialog aufnehmen, dann Aktivitäten festlegen und Zusammenarbeitsvereinbarungen treffen im Respekt vor den Kompetenzen und der Rolle der Partner. Und schliesslich, diese umsetzen.
Betrachten Sie den Sommelier als privilegierten Gesprächspartner in der Kompetenzkette ?
GM : Ja, sicher. Bedenklich, wenn es nicht so wäre !
Die Frauen halten heute bemerkenswert Einzug in die Sommellerie. Wie sieht es damit in der Oenologie aus ?
GM : Das hängt von den verschiedenen Ländern ab, dennoch ist ihre Zahl begrenzt. In Italien gibt es nur 221 Oenologinnen, die sich aktiv im Sektor engagieren, das sind 6%, nur 7 davon besetzen einen Direktionsposten in einer Kellerei, die andern arbeiten hauptsächlich in Labors für chemische und mikrobiologische Analysen oder in der Qualitätskontrolle. Die Tendenz zeigt eine Zunahme in allen Ländern, in Italien waren vor zwanzig Jahren erst 105 Oenologinnen tätig.
Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie im Moment zu kämpfen ?
GM : Die Internationale Vereinigung der Oenologen ist ein Verband von nationalen Vereinigungen von Weinbautechnikern und beschäftigt sich folglich mit Fragen von allgemeinem Interesse, die den Beruf des Oenologen, dessen Schutz und dessen Qualifikationen betreffen. Sie arbeitet auf internationaler Ebene an der Verbesserung des Ansehens, der Professionalität und der Bedeutung des Oenologen gemeinsam mit den Vereinigungen der Mitgliedsländer. In diesem Zusammenhang gibt es keine Schwierigkeiten ausser den enormen Distanzen, die uns trennen. Da die Vereinigung erst 1966 gegründet wurde, gibt es noch viel zu tun, auch das Festlegen von Prioritäten. Wir beabsichtigen eine Vereinheitlichung der verschiedenen Diplome, ihre Angleichung auf Hochschulniveau, eine Vereinheitlichung der oenologischen Praktiken und der Kontrollsysteme sowie deren technologische und wissenschaftliche Aktualisierung.
Welches sind Ihre grossen « Baustellen » ?
GM : Zuerst müssen wir für mehr internationale Treffen sorgen mit der Absicht, eine Politik des Handelns zu definieren und es nicht beim Diskutieren bewenden zu lassen. Wir müssen unsere Präsenz bei der EU verstärken, wo wir schon Vertreter in den Kommissionen « Weinbau und Oenologie » und « Oenologische Praktiken » haben. Schliesslich beabsichgen wir bald konkrete Projekte beim OIV (Office International de la Vigne et du Vin) vorzustellen, wo wir als von den verschiedenen Landesregierungen ernannte Vertreter Einsitz nehmen. Wir arbeiten an Verfahren un d Vereinbarungen für eine Reihe von Aktivitäten, die typisch sind für den Oenologen, sie gehen von der sensorischen Analyse bis zu oenochemischen und mikrobiologischen Bestimmungen. Daneben gibt es operative Fragen wie die Erneuerung des Internetauftrittes und die Herausgabe einer wissenschaftlichen Online-Zeitschrift.
Abschrift von Pierre Dana
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